Die Invictus Games - eine gelungene Verbindung von Philanthropie und Sicherheitspolitik

Sicherheitspolitik und Philanthropie liegen auf ersten Blick thematisch weit auseinander, denn scheinbar hat beides nicht viel miteinander zu tun. Allerdings gehört eine erfolgreiche Sicherheitspolitik zu den Voraussetzungen, die das gemeinnützige Engagement von Vermögenden erst ermöglicht und begünstigt. Die Invictus Games zeigen deutlich, gerade auch vor dem Hintergrund von Russlands Angriff auf die Ukraine, wie wichtig es ist, sich diese Wechselwirkung vor Augen zu führen.

Photo by Audi Nissen on Unsplash

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Die Invictus Games wurden im Jahr 2014 zum ersten Mal durchgeführt, federführend initiiert durch den britischen Thronfolger und Afghanistanveteranen Prinz Harry. Er wollte nach dem Vorbild der amerikanischen Warrior Games auch in England und Europa ein solches Format ins Leben zu rufen, um den Versehrten des Krieges und den Veteranen eine Bühne zu geben und ihren Einsatz für ihre Länder zu würdigen. Innerhalb von nur 10 Monaten organisierte Prinz Harry, mit der Unterstützung von Boris Johnson, dem damaligen Oberbürgermeister von London, dem Organisationskomitee der Olympischen und Paralympischen Spiele 2012 und dem britischen Verteidigungsministerium die ersten Invictus Games 2014.


Diese Idee hat, passend zum deutschstämmigen britischen Königshaus, auch eine weitere deutsche Wurzel. Der deutsche Arzt und Neurologe Ludwig Guttmann floh wegen seines jüdischen Glaubens 1939 aus Deutschland und ging nach Oxford. Später übernahm er die Einrichtung zur Betreuung gelähmter Veteranen in Stoke Mandeville. 1944 schwenkte der Neurologe auf einen Weg, den viele Zeitgenossen als Sackgasse ansahen, weil Lähmungen als unheilbar galten. Guttmann konnte jedoch schnell beweisen, dass sportliche Betätigung jeder Intensität, sowohl den Kampfgeist und Lebenswillen der Versehrten, als auch ihre Fähigkeiten für das tägliche Leben erheblich verbessern konnten. Die wachgerüttelten Veteranen entwickelten zunehmend eine eigene Dynamik und erweiterten ihre Möglichkeiten selbständig. 1948 fanden parallel zu den Olympischen Spielen in London die ersten Paralympics auf dem Gelände der Einrichtung statt - mit 15 Teilnehmern. 1949 konnten bereits 60 Teilnehmer aus mehreren Einrichtungen teilnehmen.


Im Folgejahr kamen 10.000 Besucher zum British Festival of Sport in London, die mediale Aufmerksamkeit führte zur Erweiterung der Teilnehmenden auf Zivilisten mit Verletzungen und Behinderungen. Teilnehmerzahlen, angebotene Sportarten und Zuschauermengen explodierten förmlich. Bereits 1952 waren die Spiele international, als niederländische Veteranen an den »International Stoke Mandeville Games« teilnahmen. 1960 konnten die ersten Paralympischen Spiele an den Stätten der Olympischen Spiele in Italien ausgerichtet werden. Heute treten mehrere tausend Athleten aus 160 Staaten in 22 Sommer- und 6 Winterdisziplinen an.


Die Invictus Games sind ein Paradebeispiel für gemeinnütziges Engagement. Zu Beginn wurde das Projekt mit einer Million Pfund aus einem Wohltätigkeitsfonds von Prinz Harry und seinem Bruder William und dessen Frau Catherine teilfinanziert. Darüber hinaus steuerte das britische Finanzministerium eine weitere Million aus einem Fonds zu, der mit Strafgeldern aus dem Libor-Skandal errichtet worden war. Zu den ersten Sponsoren gehörte unter anderem Jaguar Cars / Land Rover. Der Erfolg der Idee führte schon bald zur Gründung der Invictus Games Foundation als Trägerorganisation.


Seit 2014 haben die Invictus Games viermal stattgefunden und finden dieses Jahr, nach einer Corona-Zwangspause, in Holland und im kommenden Jahr in Deutschland statt. Sie verbinden Versehrte, Genesene und Veteranen unterschiedlichster Konflikte und Kriege weltweit. Aus der anfänglich kleinen Veranstaltung wurde ein großes Event als zentraler Anknüpfungspunkt für die Genesung Kriegsversehrter und als Symbol für Veteranen.


Die “verwundeten Krieger” sind weit davon entfernt, für die Sicherheitspolitik verloren zu sein. Vielmehr können sie in ihren speziellen Eigenschaften und in einem besonderen Umfeld weiterhin bedeutsam tätig sein. Zwar werden sie nicht mehr auf dem Schlachtfeld tätig; sie können aber helfen, neue Schlachtfelder zu verhindern. Friedlicher Wettkampf im Sport und die Möglichkeiten der Völkerverständigung können wesentlich dazu beitragen, aufgebaute Schranken und Vorbehalte zwischen Menschen und Gesellschaften abzubauen. Gleichzeitig können sie Vorbild für Versehrte und geborene Behinderte sein, das eigenen Leben anzupacken und ihre Lebensbedingungen zu verbessern. Zusätzlich können Gesellschaften voneinander lernen, wie Menschen, die Schicksalsschläge erfahren haben, bestmöglich unterstützt und zu Höchstleistungen motiviert werden können - mit dem Abschneiden der Athleten als Benchmark.

Ganz besonders in diesem Jahr wird dabei ein gemeinschaftlicher Ansatz deutlich. So ist z.B. auch die Ukraine bereits seit 2017 teilnehmende Nation bei den Invictus Games. In diesem Jahr und unter dem Eindruck des Krieges in der Ukraine bekommen die Invictus Games eine umso größere Bedeutung.


Was sind unsere Folgerungen daraus?

  • Philanthropisches Engagement in der Sicherheitspolitik hat immer eine gesellschaftliche und eine globale Ebene - Völkerverständigung kann dabei der Leitaspekt sein, der als eine Brücke zwischen Menschen wirkt. Da eine erfolgreiche Sicherheitspolitik zu den Rahmenbedingungen für philanthropisches Engagement gehört, ist die Sichtbarkeit von Initiativen, die beide Bereiche verbinden, besonders wichtig.

  • Gerade die gemeinnützigen Projekte - kleine und große-, die durch persönliche Initiative Einzelner entstehen, sind unterstützenswert. Und es gibt eine große Menge überzeugter Initiatoren aus den Reihen der Behörden und Organisationen mit Sicherheitsaufgaben (BOS). Eine konsequente und nachhaltige Förderung solcher Engagements lohnt jedes philanthropische Engagement.

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